
Pfarrer Paul Schneider als Hilfsprediger in Essen 1925, Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland
Der „Prediger von Buchenwald“ – Lassen wir die Erinnerung an ihn leuchten!
Unweit von Bad Sobernheim, in der Dorfwüstung Pferdsfeld, wurde der evangelische Pfarrer und NS-Widerstandskämpfer Paul Schneider geboren. Hier verbrachte er die ersten dreizehn Jahre seines Lebens.
Der spätere Pfarrer kehrte 1934 in den Hunsrück zurück und stellte sich kompromisslos gegen das nationalsozialistische Regime – gegen Antisemitismus, völkisches Denken und die Unterwerfung von Kirche und Gesellschaft unter eine menschenverachtende Ideologie.
Schneider verweigerte den Hitlergruß, widersprach offen NS-Propaganda, nahm Juden öffentlich in Schutz und kritisierte Hitlers „Mein Kampf“ von der Kanzel. Trotz Verhaftungen, Misshandlungen und Verbots kehrte er immer wieder in seine Gemeinden zurück. 1937 wurde er ins KZ Buchenwald deportiert, wo er auch unter grausamsten Bedingungen seine Stimme erhob – für Menschlichkeit, Würde und Gerechtigkeit. 1939 wurde er dort von den Nationalsozialisten ermordet.
Der „Prediger von Buchenwald“ steht bis heute eindrücklich dafür, was es heißt, Mensch zu bleiben, wenn Unrecht zur Norm wird. Seine Haltung ist Teil unserer regionalen Geschichte – und Mahnung für die Gegenwart.
Wir erinnern an ihn bei unserer Kundgebung:
„Nahe-Hunsrück wählt Demokratie! Für Menschenwürde, Vielfalt und eine offene Gesellschaft!“
28.02. / 14-18 Uhr / Marktplatz Bad Sobernheim
Wir freuen uns auf euch.
Alle Infos unter www.initiative-fm.de/demokratie-28-2
„Gebt die Juden frei; auch sie sind meine Brüder“ November 1938
„Sie sind ein Massenmörder. Ich klage sie an vor dem Richterstuhl Gottes. Ich klage sie an des Mordes an diesen Häftlingen!“
„Harret aus, Brüder, in diesem Kampf. Gott gibt euch die Kraft Vertraut auf ihn, nicht auf Hitler!“
Widerrede und Widerstand gegen das NS-Regime
Die ersten Konfrontationen von Paul Schneider mit dem NS-Regime zeigten sich, als er 1932 bei einer angeforderten Stellungnahme für seine Wahl von Hindenburg statt Hitler darlegte, dass er die „heidnisch-völkischen Strömungen“ in der Hitler-Bewegung ablehne und in dieser eine „unchristliche Haltung der Bewegung gegen Altes Testament und Juden“ vorherrsche. Weiter wehrte er sich standhaft, die Hakenkreuzfahne zu grüßen und seinen Konfirmandenunterricht mit dem Hitlergruß zu beginnen und zu beenden. Auf einer Beerdigung eines Hitlerjungen in Gemünden im Jahr 1934 widersprach er der Rede des NSDAP-Kreisleiters, dass der Junge nun in den „Himmlischen Sturms Horst Wessels“ (ein verstorbener nationalsozialistischer Vorkämpfer) übergehen würde.
In der Folge wurde er zum ersten Mal verhaftet, allerdings erreichten seine Gemeinden die Freilassung. 1934 und 1935 nahm er in einer Predigt Juden ausdrücklich in Schutz und appellierte die Kirchenbesucher daran, sich an der Kollekte für eine jüdische Mission im Inland zu beteiligen. 1936 äußerte er in einer Predigt Kritik an Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“. Nach seiner dritten Verhaftung 1937, die er im Gestapo-Gefängnis Koblenz verbrachte, wurde er aus dem Rheinland ausgewiesen. Nach seiner Freilassung kehrte er im gleichen Jahr trotz offiziellem Verbot in seine Gemeinden Dickenschied und Womrath im Hunsrück zurück. Anschließend wurde er abermals in das Gefängnis der Geheimen Staatspolizei und schließlich noch im Jahr 1937 nach Weimar in das neu errichtete KZ Buchenwald verlegt.
Der Prediger von Buchenwald
Im KZ Buchenwald lehnte er es 1938 ab, beim Fahnenappell zu Hitlers Geburtstag, die Mütze abzunehmen, woraufhin er mit Stockschlägen bestraft wurde und in einer Einzelzelle inhaftiert wurde. Seitdem erlitt er nicht nur selbst schreckliche Misshandlungen, er erlebte auch unmittelbar die Einlieferungen der Juden in den „Bunker“ (Arrestzellenbau) sowie deren Ermordungen. All dem zum Trotz erhob der „Prediger von Buchenwald“ in dem unmenschlichen und verbrecherischen Chaos immer wieder lautstark seine Stimme. Dabei setzte er sich auch explizit für seine jüdischen Mitgefangenen ein.
Aus seiner Zelle heraus sprach er zu den zehntausenden Menschen auf dem Appellplatz vor seinem Zellenfenster und rief Bibelworte hinaus, was nicht nur Christen sondern auch den Juden Trost spendete. Harte Bestrafungen waren die Folge, so wurde Schneider nach seinen Predigten „stets aus dem Arrest auf den Appellplatz gebracht und durchgepeitscht, bis das Blut durch die Kleider drang.“, wie es der politische Häftling Walter Poller, damals Arztschreiber, in einem späteren Bericht festhielt. Eindringliche Schilderungen des Mutes von Paul Schneider inmitten der unmenschlichen Gräueltaten im Konzentrationslager geben uns heute zahlreiche Berichte von Mitgefangenen wie die des Juden Ernst Cramer oder die des katholischen Geistlichen Leonhard Steinwender:
Emil Cramer, jüdischer Häftling im KZ Buchenwald:
„An diesem Abend haben wir, zumindest ich, zum ersten Mal eine laute Stimme gehört aus einem Gebäude, von dem wir keinerlei Ahnung hatten, was es war. Der Mann hat die Bergpredigt ganz laut gesagt und als er beim sechsten Punkt ‚Selig sind die, die um Gerechtigkeit willen leiden.‘ (war), da sprach hinter mir einer ganz leise: ‚Das kann kein Jude sein. Das muss jemand sein, für den die Bergpredigt etwas ganz Besonderes bedeutet‘– die übrigens eine der schönsten religiösen Stellen ist, die es in der Welt gibt. Wir wussten ja nicht, wer es war. Wir haben nur die Stimme gehört, und zwar immer wieder und immer die gleiche Stimme, natürlich unterbrochen durch Schmerzensschreie und Gebrüll von den SS-Leuten, das ist klar. Ich möchte sagen, dass diese christlichen Worte auch den Juden, die damals da waren, irgendwie eine Art Stärke gegeben haben.“
Leonhard Steinwender, katholischer Häftling im KZ Buchenwald
„Vor dem einstöckigen Bunkergebäude war der große Appellplatz, an dem sich die Häftlinge täglich morgens und abends zum Zählappell, meist verbunden mit allerlei Schindereien, einzufinden hatten. An den höchsten Festtagen ertönte während der Stille des Abzählens plötzlich die mächtige Stimme Pfarrer Schneiders durch die dumpfen Gitter des ebenerdigen Bunkers. Er hielt wie ein Prophet seine Festtagspredigt, das heißt, er versuchte sie zu beginnen. Am Ostersonntag zum Beispiel hörten wir plötzlich die mächtigen Worte: ‚So spricht der Herr: Ich bin die Auferstehung und das Leben!‘ Bis ins Innerste aufgewühlt durch den Mut und die Kraft dieses gewaltigen Willens standen die langen Reihen der Gefangenen. Es war, als hätte eine mahnende Stimme aus einer anderen Welt zu ihnen gerufen, als hörten wir die Stimme Johannes des Täufers aus den Kerkern des Herodes, die gewaltige Prophetenstimme des Rufenden in der Wüste. Mehr als einige Sätze konnte er nie sprechen. Dann klatschten schon die Prügel der Bunkerwächter auf ihn nieder oder ein roher Faustschlag schmetterte seinen zermarterten Körper in eine Ecke des Bunkers. Mit seinem starken Willen und seiner unbeugsamen Härte wurde auch brutale Gewalt nicht fertig. Mehr als einmal schleuderte er dem gefürchteten Lagerkommandanten den furchtbaren Vorwurf in das Gesicht: ‚Sie sind ein Massenmörder! Ich klage Sie an vor dem Richterstuhle des ewigen Gottes! Ich klage Sie an des Mordes an diesen Häftlingen!‘ Und er zählte ihm die Namen der Opfer auf, die in den letzten Wochen ihr Leben lassen mussten. Da man mit der granitenen Härte seiner Überzeugung nicht fertig werden konnte, stempelte man ihn zum Narren, den man durch Schläge zum Schweigen bringt. Über ein Jahr hatte er die Qualen des Bunkers getragen, bis auch seine Kraft der rohen Gewalt erlag. Keine heile Stelle war an seinem Körper, als man ihn tot aus dem Bunker trug. Die Todesnachricht wurde im ganzen Lager mit tiefer Bewegung aufgenommen.“
Niemals vergessen! Nie wieder ist jetzt!
Der Leichnam Paul Schneiders wurde in einem Sarg siebenfach versiegelt und es wurde seiner Witwe Margarete Schneider verboten, ihn zu öffnen. Er durfte vor der Beisetzung auch nicht in die Kirche nach Dickenschied gebracht werden, sondern kam in die Kapelle des Krankenhauses in Simmern. Am 21.7.1939 fand die Beerdigung Paul Schneiders in Dickenschied im Hunsrück statt. Durch hunderte Teilnehmer aus der Bevölkerung von Dickenschied und aus den Nachbarorten sowie etwa 200 Pfarrern aus allen Teilen des Reiches und intensiven und anerkennungsvollen Grabreden aus deren Reihen war die Beisetzung eine machtvolle Demonstration der Bekennenden Kirche und ein Dorn im Auge des NS-Regimes.
Warum die Erinnerung an Paul Schneider so wichtig ist!
Die Ideologie der Nationalsozialisten ist nicht tot. Sie lebt fort in rechtsextremen politischen Orien- tierungen, die den demokratischen Verfassungsstaat ablehnen und an seine Stelle eine autoritär geführte, ethnisch definierte „Volksgemeinschaft“ setzen wollen. Heutige Rechtsextreme kleiden diese Ideologie in ein modernes Gewand, verpacken Rassismus als „Ethnopluralismus“ und machen völkisches Denken, die Abwertung von Minderheiten, autoritäre Gesellschaftsvorstellungen, Geschichts- revisionismus und die gezielte Delegitimierung der Demokratie wieder salonfähig – sprachlich angepasst, in der Substanz jedoch unverändert menschenfeindlich. Rechtsextremisten nutzen dabei bewusst die Freiheiten der demokratischen Grundordnung, um diese von innen heraus zu untergraben.
Seit 1990 wurden in Deutschland über 200 Menschen von rechtsextremistisch motivierten Täterinnen und Tätern ermordet. Gleichzeitig sitzt seit Jahren eine Partei im Bundestag und in den Landesparlamenten, die durch ideologische Nähe zur NS-Tradition, völkisches Denken, offen diskutierte Deportations- pläne, systematische Hetze und Hass gegen Minderheiten, gezielte Desinformation, autoritäre Staatsvorstellungen sowie personelle und inhaltliche Verbindungen zu rechtsextremen Netzwerken, rechtsterroristischen Milieus und demokratiefeindlichen Akteuren – bis hin zu Kooperationen mit autoritären Regimen und entsprechenden Spionage- und Einflussaktivitäten – als parlamentarischer Arm des organisierten Rechtsextremismus erkennbar wird.
Wir möchten mit der Erinnerung an Paul Schneider uns allen ins Gedächtnis rufen, dass wir Verantwortung dafür tragen, was um uns herum geschieht! Der Rechtsextremismus ist die größte Gefahr für unsere demokratische Gesellschaft. Ein Blick in die Vergangenheit erinnert uns an die rechtsterroristischen Anschläge in Hanau und Halle, den Mord an Walter Lübcke, die Aufdeckung zahlreicher rechtsterroristischer Gruppen, die Ausschreitungen in Chemnitz, die Netzwerke „Hannibal“ und „Uniter“, NSU-Morde, die Aufdeckung von Umsturzplänen aus dem sogenannten „Reichsbürger“-Milieu, eine massive Zunahme rechtsextremer Straftaten, Bedrohungen und Angriffe auf Kommunalpolitiker:innen, Journalist:innen und zivilgesellschaftlich Engagierte sowie offen formulierte Deportationspläne Gleichzeitig werden rechtsextreme Ideologien zunehmend normalisiert.
Diese Gewalttaten sowie die zunehmende Hetze, durch die Unsagbares sagbar wird und aus Worten Taten folgen lässt, muss uns aufrütteln! Wir müssen als Gesellschaft diesen Entwicklungen mit aller Kraft entgegentreten, Charakter zeigen und die unverrückbaren Positionen des Menschenrechts und der mitmenschlichen Verantwortung immer wieder verteidigen!
„Wir haben uns diesen Kampf ja nicht ausgesucht, müssen ihn aber nun um des Evangeliums willen ausfechten.“ 18.März 1935
„Wir können nicht alle mit unseren Überlebens-Kompromissen Hitler in seiner unrechten Gewaltherrschaft bestärken. Wenigstens einige müssen ihm mit letzter Entschiedenheit widerstehen.“ Juli 1937
„Sollte ich als kleinstes Pastörlein auf dem Hunsrück allein dem Staat bezeugen müssen, was recht ist?“ 31. Oktober 1937
„Das Verbrechersymbol grüße ich nicht!“ 20.April 1938
„Meinen Körper könnt ihr töten, meinen Geist aber nicht.“
Literaturempfehlung:
https://mahnmalkoblenz.de/PDF_AUF/Paul_Schneider.pdf
Quellen/Belege:
https://mahnmalkoblenz.de/PDF_AUF/Paul_Schneider.pdf
http://www.literaturland-thueringen.de/artikel/literatur-aus-buchenwald/leonhard-steinwender-die-stimme-des-rufenden-in-der-wueste/