Als wir 2015 den ersten Salon Libertatia veranstalteten, war Europa ein anderer Kontinent. Die Finanzkrise lag noch wie ein Schatten über vielen Ländern, die neoliberale Sparpolitik bestimmte den politischen Alltag, rechtspopulistischer Mumpitz war zwar längst vorhanden, aber noch nicht bestimmender Bestandteil nahezu jeder gesellschaftlichen Debatte. Trotz Finanzkrise, wachsender sozialer Ungleichheiten und politischer Spannungen überwog vielerorts noch das Vertrauen, dass liberale Demokratien ihre Krisen durch offene Debatten, wissenschaftlichen Fortschritt und den demokratischen Wettbewerb um die überzeugendsten Lösungen bewältigen können. Das Pariser Klimaabkommen, die Präsidentschaft Barack Obamas oder die europäische Einigung standen für die Erwartung, dass Geschichte gestaltbar bleibt und Fortschritt möglich ist.
In diese Zeit fiel das Album „Libertatia“ der österreichischen Band Ja, Panik.
Der Albumtitel „Libertatia“ verweist dabei auf eine deutlich ältere Geschichte. Er greift den Mythos der „Libertalia / Libertatia“ auf – einer fiktiven Piratenrepublik, die Daniel Defoe Anfang des 18. Jahrhunderts in seinem Werk A General History of the Pyrates beschreibt. Dort entwirft er die Vision einer Gemeinschaft, die sich bewusst den autoritären Herrschaftsstrukturen ihrer Zeit entzieht und stattdessen auf Freiheit, Gleichheit, Mitbestimmung und Solidarität setzt. Herkunft, Religion oder Hautfarbe sollen keine Rolle spielen, Entscheidungen werden gemeinschaftlich getroffen und Macht ist an Verantwortung gebunden. Diese Vision hat ungeheure symbolische Kraft: als Utopie einer Gesellschaft, die Freiheit nicht als Privileg Einzelner versteht, sondern als gemeinsames Projekt.
Das Album war kein klassisches Protestalbum. Es war auch kein Revolutionsaufruf. Vielmehr war es der Versuch, eine andere Sprache für Politik zu finden. Eine Sprache, die Pop, Melancholie, Utopie und Gesellschaftskritik miteinander verband. Ja, Panik wollten nicht bloß Zustände anklagen. Sie wollten Räume öffnen, in denen andere Formen des Zusammenlebens überhaupt wieder denkbar werden. Sie sprachen von Europa, von Klassenbewusstsein, von Grenzen, Migration und Kapitalismus – und gleichzeitig von Zärtlichkeit, Leichtigkeit und Popmusik. Gerade diese Verbindung machte das Album so außergewöhnlich.
Besonders beeindruckte uns damals ein Gedanke, den Andreas Spechtl in den Interviews zum Album formulierte. Nach der düsteren Vorgängerplatte habe sich an der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse eigentlich nichts geändert. Neu sei vielmehr die Haltung: Statt bloßer Resignation müsse wieder Handlung entstehen. Aus Verzweiflung sollte Agitation werden – allerdings nicht als dogmatischer Aktivismus, sondern als Einladung, gemeinsam über andere Möglichkeiten nachzudenken.
Genau darin lag für uns der Kern von Libertatia.
Es ging nie um die Behauptung, eine perfekte Welt ließe sich entwerfen. Sondern um die Überzeugung, dass Fortschritt überhaupt erst davon lebt, sich andere Möglichkeiten vorstellen zu können.
Als wir unser Festival Salon Libertatia nannten, wollten wir genau diesen Gedanken aufnehmen. Ein Salon ist traditionell ein Ort der Begegnung, des Austauschs und der Debatte. Libertatia steht für die Suche nach einer offeneren Gesellschaft. Beides zusammen beschreibt ziemlich genau das, was wir seit 2015 versuchen: einen Raum zu schaffen, in dem Musik, Kunst, politische Bildung und gemeinsames Erleben nicht nebeneinander stattfinden, sondern sich gegenseitig verstärken.
Rückblickend wirkt vieles von dem, was Ja, Panik damals beschrieben haben, beinahe erstaunlich vorausschauend.
2014 schien die Vorstellung, Nationalismus könne wieder zur dominierenden politischen Kraft in Europa werden, für viele noch überzogen. Heute erleben wir den Aufstieg autoritärer Bewegungen in zahlreichen Ländern. Damals diskutierte man über die Folgen der Finanzkrise. Heute kommen Klimakrise, Krieg, Desinformation und Angriffe auf demokratische Institutionen hinzu. Migration ist längst nicht mehr nur Gegenstand politischer Debatten, sondern wird von rechten Akteur:innen gezielt instrumentalisiert, um Ängste zu schüren, gesellschaftliche Gruppen gegeneinander auszuspielen und demokratische Institutionen zu delegitimieren. Gleichzeitig erleben wir, wie Menschen, die sich für Demokratie, Menschenrechte oder Klimaschutz engagieren, immer häufiger pauschal diskreditiert werden.
Auch deshalb erscheint uns der Name Salon Libertatia heute aktueller denn je. Weil wir überzeugt sind, dass unsere liberale Demokratie Orte braucht, an denen Menschen sich begegnen, streiten, zuhören, feiern und gemeinsam nach Antworten suchen können.
Interessant ist dabei noch ein weiterer Gedanke aus den damaligen Interviews. Ja, Panik beschrieben eine Gesellschaft, in der „Lostness“ – das Gefühl, nicht eindeutig zu wissen, wer man ist oder wohin man gehört – zunehmend verdrängt werde. Stattdessen beobachteten sie einen wachsenden Zwang zur Selbstverortung und eindeutigen Identität.
Zwölf Jahre später scheint diese Diagnose fast prophetisch. Algorithmen belohnen Eindeutigkeit, soziale Medien verstärken Lagerbildung, politische Debatten verlangen klare Zugehörigkeiten. Ambivalenz wird oft als Schwäche gelesen. Dabei lebt Demokratie gerade davon, Widersprüche auszuhalten, Kompromisse zu suchen und die eigene Position immer wieder zu hinterfragen.
Vielleicht ist genau das die eigentliche Bedeutung von Libertatia.
Also nicht die Sehnsucht nach einem perfekten Ort oder einer fertigen Utopie, sondern eher eine Einladung, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir leben wollen. Eine Einladung, Kultur nicht als unterhaltende Flucht vor der Wirklichkeit zu begreifen, sondern als Möglichkeit, Wirklichkeit zu verändern. Und eine Einladung, Demokratie nicht nur zu verteidigen, sondern sie gemeinsam mit Leben zu füllen.
Gerade angesichts der multiplen Krisen unserer Zeit reicht es nicht mehr, sich um Demokratie, Menschenrechte oder den Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen nur Sorgen zu machen. Wir brauchen Menschen, die Verantwortung übernehmen, Haltung zeigen und sich miteinander vernetzen. Nur eine engagierte und entschlossene Gesellschaft, die in Vielfalt und Demokratie ihre Stärke erkennt, kann sich wirksam gegen rechtsextreme Ideologien behaupten. Wir laden deshalb alle herzlich ein, Teil des Salons zu werden und sichtbar zu machen, dass wir viele sind – und dass die über Generationen erkämpften Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung stärker sind als Hass, Ausgrenzung und autoritäre Versuchungen.